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Nur Verzicht auf gewaltsamen Brechmitteleinsatz schafft Lösung des ethischen Konfliktes

Vertretung der Hamburger Ärzteschaft stellt sich erneut hinter UKE-Anästhesisten
(23.4.2002)

Die Kammerversammlung der Ärztekammer Hamburg, das Parlament der Hamburger Ärzteschaft befasste sich am Montag erneut mit der umstrittenen gewaltsamen Vergabe von Brechmitteln gegen mutmaßliche Drogendealer. Dabei bekräftigte die Versammlung ihre ablehnende Haltung zum Brechmitteleinsatz unter Gewalt und fasste ohne Gegenstimme einen Beschluss, der auch die erzwungene indirekte Beteiligung von Ärzten an solchen Maßnahmen zur Beweissicherung ablehnt.

Den Anstoß zu der Debatte hatten anhaltende Klagen von Ärztinnen und Ärzten aus dem Institut für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegeben, die über ihre ethischen wie arbeitsrechtlichen Konflikte bei Brechmitteleinsätzen berichten. Viele dieser zumeist jungen Ärztinnen und Ärzte waren zu der Versammlung ins Hamburger Ärztehaus gekommen. Die UKE-Anästhesisten waren nach dem Tod eines 19jährigen Kameruners im Dezember von der Klinikleitung per Dienstanweisung verpflichtet worden, in einem Nebenraum des Instituts für Rechtsmedizin parat zu stehen, wenn dort einem Dealer per Nasensonde gewaltsam Brechmittel verabreicht werden.
Nach Ansicht der Versammlungsmitglieder Dr. Ulrich Müllerleile und Dr. Reinhard Laux, die den Beschluss am Montag Abend einbrachten, werde auf diese Weise künstlich ein Rechtskonstrukt geschaffen, das den Einsatz der Anästhesisten als nicht ablehnbare Hilfeleistung, nicht aber als Beteiligung an abzulehnender unärztlicher Gewaltanwendung erscheinen ließe. "Hier wird die Last umgekehrt", begründete der Onkologe Müllerleile den Antrag, "plötzlich stehen die jungen Kollegen da, als würden sie sich unterlassener Hilfeleistung schuldig machen, wenn sie sich - ethisch wohl begründet - nicht an einem solchen Einsatz beteiligen wollen." Die Ärztekammer, so forderte Müllerleile weiter, dürfe eine auf diese Weise bezweckte bewusste Hintergehung ihrer Position zum Brechmitteleinsatz nicht zulassen. Vorstand und Versammlung der Hamburger Ärztekammer, insbesondere ihr Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery, hatten in den vergangenen Monaten immer wieder ihre Ablehnung der gewaltsamen Sondeneinsätze deutlich gemacht. Vor allem, so die Position der Kammer, dürfe kein Arzt zu der Beteiligung an derartigen Einsätzen, die allein der Beweismittelsicherung durch die Strafverfolgungsbehörden dienten, gezwungen werden.
Eine eindeutige Lösung des ethischen Konfliktes sei nur der grundsätzliche Verzicht auf den gewaltsamen Einsatz von Brechmitteln, postuliert der neuerliche Beschluss der Kammerversammlung. "Die Ärztekammer fordert die Verantwortlichen auf, diesen Standpunkt zu respektieren."



Beschluss der Kammerversammlung
der Ärztekammer Hamburg
vom 22. April 2002:

Aus gegebenem Anlass bekräftigt und verdeutlicht die Kammerversammlung der Ärztekammer Hamburg ihre bereits im Oktober 2001 festgestellte Ablehnung der gewaltsamen Einbringung von Brechmitteln zum Zweck der Beweissicherung bei Personen, die des Drogenhandels verdächtigt werden.
Die Methode ist mit Risiken für Leben und Gesundheit verbunden und verletzt die Menschenwürde, die auch für mutmaßliche Straftäter unveräußerlich ist. Sie verstößt gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.
Ärzte dürfen nicht gezwungen werden, direkt oder indirekt an derartigen Maßnahmen mitzuwirken bzw. sie zu ermöglichen. Das von der Leitung des UK Eppendorf gewählte Verfahren der indirekten Beteiligung von Anästhesisten täuscht eine medizinisch, ethisch und juristisch einwandfreie Lösung vor, bringt aber für keinen der Beteiligten mehr Sicherheit. Es werden im Gegenteil damit Ärzte des UKE gezielt in eine ethische und arbeitsrechtliche Konfliktsituation gebracht.
Eine eindeutige Lösung ist nur der grundsätzliche Verzicht auf den gewaltsamen Einsatz von Brechmitteln zum Zwecke der Beweissicherung bei mutmaßlichen Drogendealern. Die Ärztekammer fordert die Verantwortlichen auf, diesen Standpunkt zu respektieren.

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Pressestelle der Ärztekammer Hamburg
Tel.: 040/22 802 434
verantwortlich: Wolfram Scharenberg

(23.4.2002)


Hamburger Ärztekammer bekräftigt Kritik am Vorgehen gegen Drogendealer
Forderung an Senat: Kein Brechmitteleinsatz unter Gewalt!
(10.12.2001)

Der Präsident der Ärztekammer Hamburg, Dr. Frank Ulrich Montgomery, hat den Hamburger Senat aufgefordert, die gewaltsame Verabreichung von Brechmitteln an Drogendealer unverzüglich zu beenden. Der Fall des 19jährigen Afrikaners, der am Wochenende nach der Gabe von Ipecacuanha-Sirup unter Gewalt mit Herzstillstand zusammengebrochen war, bestätige die grundsätzliche Kritik der Ärztekammer an dem Vorgehen, das aus ärztlicher Sicht nicht zu verantworten sei, sagte Montgomery.

Der Ärztepräsident verwies auf eine Entschließung, die von der Versammlung der Ärztekammer Hamburg, dem gewählten Parlament der Hamburger Ärzteschaft, im Oktober mit großer Mehrheit verabschiedet worden war. Darin sprechen sich die Hamburger Ärztinnen und Ärzte gegen den ärztlichen Einsatz an Drogendealern unter Zuhilfenahme von Gewalt aus. „Unter ärztlichen Gesichtspunkten ist die Vergabe von Brechmitteln gegen den Willen des Betroffenen nicht zu vertreten", heißt es in dem Kammerbeschluss. Der Grund für die kritische Bewertung liegt in den gesundheitlichen Gefahren, die die Ärzte in einer gewaltsamen Verabreichung von Brechmitteln über eine Nasensonde sehen.

Das Ärzteparlament hatte in seinem Beschluss zudem erklärt, die Gabe eines Brechmittels sei „nur bei qualifizierter Notfallbereitschaft mit dem ärztlichen Berufsethos vereinbar". Sollte der Senat nicht auf den zweifelhaften Einsatz verzichten wollen, so kommt für Kammerpräsident Montgomery künftig nur ein ärztlicher Eingriff auf einer klinischen Station in Betracht. „Der tragische Vorfall vom Wochenende zeigt, dass eine unverzügliche medizinische Nothilfe möglich sein muss. Schließlich sind auch Drogendealer Menschen und in diesem Fall unsere Patienten", postulierte Montgomery. „In einem Institut, das nicht auf die Akutversorgung von Patienten ausgerichtet ist, sind die notwendigen Voraussetzungen dafür nicht vorhanden."

Grundsätzlich verwies der Hamburger Ärztepräsident erneut auf die Unabhängigkeit des ärztlichen Handelns. „Kein Arzt und keine Ärztin darf von welcher Seite auch immer zu seiner Beteiligung an solchen polizeilichen Maßnahmen gezwungen werden", betonte Frank Ulrich Montgomery. Dieser Feststellung hatte die Ärztekammer-Versammlung im Oktober einstimmig zugestimmt.

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Pressestelle der Ärztekammer Hamburg
Tel.: 040/22 802 434
verantwortlich: Wolfram Scharenberg

(10.12.2001)