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Verschlusssache Brechmitteltod

Tödlicher Brechmitteleinsatz: Autopsieergebnisse werden ohne genaue Angaben von Gründen geheim gehalten    
Von Marco Carini
Wie Achidi J., Opfer des ersten tödlichen Brechmitteleinsatzes in Hamburg, starb bleibt vorläufig ein Geheimnis. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat den ihr vorliegenden Obduktionsbericht des Berliner Instituts für Rechtsmedizin zur Verschlusssache erklärt. Sprecherin Marion Zippel: "Es liegen noch nicht alle erforderlichen Gutachten vor." "Weitere Fragen", so Zippel, "beantworte ich nicht."

Die Berliner Rechtsmedizin bestätigte auf Anfrage der tazhamburg, alle Ergebnisse der Autopsie der Staatsanwaltschaft übermittelt zu haben. Die Expertise aber konnte die Todesumstände offenbar nicht eindeutig klären. Die Staatsanwaltschaft räumt aber ein, inzwischen "weitere Analysen" angefordert zu haben, die laut der Berliner Rechtsmedizin "andere Gutachter" anfertigen sollen. Der Rest ist Schweigen.

Klar ist bislang nur, dass bei Achidi J. der Hirntod infolge von Sauerstoffmangel eingetreten ist. Zuvor war der Kameruner während des Brechmitteleinsatzes leblos zusammengebrochen. Drei Minuten hatten die umstehenden Mediziner nach eigenen Angaben verstreichen lassen, bevor sie begannen den reglosen Mann zu reanimieren. Für den Hamburger Internisten Dr. Bernd Kalvelage, der gestern im Rahmen der Kampagne gegen die Brechmittelvergabe zu dem tödlichen Einsatz Stellung bezog, ist der Fall klar:"Die Ärzte haben die entscheidenden Minuten zur Wiederbelebung verpasst. Das war eindeutig unterlassene Hilfeleistung."

Und anders als von der Innenbehörde behauptet, war der tödliche Brechmittel-Zwischenfall nicht unvorhersehbar. Ein Blick in das 1993 erschienene Medizin-Standardwerk "Martindale - The Extra Pharmacopeia" hätte ausgereicht, um zu erfahren, dass eine Zwangsaufnahme von Brechmitteln "die Herzfunktion beeinträchtigen" kann. "Dabei" sei es möglich, dass "Leitungsstörungen oder Herzinfarkte auftreten. Diese Nebenwirkungen können ... einen Kollaps mit nachfolgendem Tod bewirken."

Mit einer Anzeige, deren Text von mehr als 900 Personen unterzeichnet wurde, fordert die "Kampagne gegen die Vergabe von Brechmitteln" nun den Senat auf, den Brechmitteleinsatz sofort zu stoppen." Ärzte und Polizisten sollten die Beteiligung an dieser "menschenverachtenden Tortur" verweigern. Pikant: Während taz und Mopo den Aufruf heute veröffentlichen, verweigerte das Abendblatt den Abdruck des Inserats.

Die Kampagne verweist darauf, dass Berlin und Niedersachsen die Brechmitteleinsätze nach dem Tod von Achidi J. umgehend aus dem Programm genommen haben. Dass das unter anderen Umständen auch in der Hansestadt passiert wäre, glaubt Bernd Kavelage: "Wäre das Opfer ein Hamburger aus Blankenese gewesen - die Einsätze wären sofort gestoppt worden."


taz Hamburg Nr. 6676 vom 14.2.2002, Seite 21, 41 Zeilen (TAZ-Bericht), Marco Carini